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Beim Sport oder Fußball wirken sich die Farbsehschwächen von Betroffenen auf verschiedenen Ebenen aus.

Sport / Fußball

Beim Sport betreffen Farbsehschwächen zwei Personenkreise: Die Sportler:innen als solche und die Fans und Zuscher:innen vor Ort im Stadion oder am Sportplatz und natürlich, sofern eine Übertragung stattfindet, vor den Bildschirmen. Das bedeutet, dass eine Beeinträchtigungen auf vielfältige Art und Weise auftreten kann.

Für aktive Sportler:innen gibt es sicherlich die größten Probleme mit der Spielkleidung und den Sportgeräten. Teams, die zum Beispiel in Rot und Grün gegeneinander antreten sind bei der häufigsten Form der Farbsehschwächen, die Rot-Grün-Schwäche, problematisch. Mitunter sind die Mitspieler:innen im Nahen und direkt nebeneinander noch voneinander zu unterscheiden, bei schnellen Bewegungen und in der Ferne wird dies aber umso schwieriger. Das bestätigte zum Beispiel auch der dänische Nationalspieler und ehemalige Fußball-Bundesligaprofi von Borussia Dortmund und Werder Bremen, Thomas Delaney.

Jeder 12 . Mann ist farbenblind. Das bedeutet, dass es in jeder Männer/Jungen-Fußballmannschaft mindestens einen betroffenen Spieler auf dem Platz geben muss.

Delaney ist der bisher einzige aktive männliche Fußballspieler auf Profiniveau, der öffentlich über seine Rot-Grün-Schwäche sprach. Aus der Bundesliga ist bekannt, dass es in den Reihen des SC Freiburg einen betroffenen Profi gibt. Die Breisgauer wechselten im Heimspiel gegen den FC Augsburg im März 2021 ihr eigentlich rotes Heimtrikot gegen das gelbe Ausweichshirt, da die Gäste in Grün antraten. Trainer Christian Streich wollte das Risiko einer Verwechslung beim betroffenen Spieler nicht eingehen.

Aber auch Frauen können von einer Sehschwäche betroffen sein. So äußerte sich die Profispielerin von Aston Villa Remi Allen im Februar 2022 über die unglückliche und problematische Wahl der Spielkleidung im Duell gegen West Ham via Twitter: Es mache ihren Job und den der anderen Betroffenen auf dem Platz so viel schwieriger und es solle kein Faktor sein, wenn sie den Fußballplatz betreten.

Anhand dieser - seltenen - Beispiele wird deutlich, dass Farbsehschwächen sehr wohl ein Problem für die Akteur:innen auf dem Platz ist: Jeder 12. Mann und jede 200. Frau ist betroffen — spätestens beim ersten Wechsel bei Männerteams müsste also mindestens ein betroffener Spieler bei jeder Mannschaft auf dem Platz gestanden haben.

Info zur Simulation

Eine Simulation bildet nicht die komplette Realität von Betroffenen ab.
Weitere Informationen

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Normales Sehen
Simulation
Normales Sehen

Rote gegen grüne Trikots: ein großes Problem bei einer Rot-Grün-Schwäche, besonders wenn wie im Bild sich nur die Stutzen unterscheiden.

Spielkleidung sollte sich größtmöglich unterscheiden

Das Problem ist, dass Menschen mit Farbsehschwächen unter Umständen auch Probleme mit Farbkombinationen haben, die nicht nur Rot und Grün sind. Mischtöne wie Braun und Grün, Schwarz und Rot oder auch Grau sind zum Beispiel problematische Kombinationen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass zwischen den Spielkleidungen genügend Kontrast sein sollte.

So kann es sein, dass eine Kombination aus einem ganz dunklen Rot gegen ein ganz helles Grün weniger Probleme macht als z. B. ein Rot gegen ein Schwarz oder ein dunkles Blau. Kontraste spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Außerdem ist es hilfreich, wenn sich möglichst viel von der Spielkleidung unterscheidet. Eine Kombination aus rotem und grünem Shirt, allerdings dann komplett weißer Hose und Stutzen gegenüber dann komplett grüner/roter Hose und Stutzen ist ist deutlich einfacher zu trennen, als wenn sich nur Hosen oder Stutzen voneinander unterscheiden.

Unproblematische Kombinationen

  • Weiß gegenüber Schwarz

  • Rot gegenüber Gelb

  • Schwarz gegenüber Gelb

  • Blau gegenüber Weiß

  • Blau gegenüber Gelb

  • Rot gegenüber Weiß

Problematische Kombinationen

  • Rot gegenüber Schwarz

  • Rot gegenüber Grün gegenüber Orange

  • Hellgrün gegenüber Gelb

  • Weiß gegenüber Pastellfarben wie Pastellblau

  • Blau gegenüber Violet

  • Grün gegenüber Grau gegenüber Rot

Von der englischen FA und der UEFA gibt es einen Leitfaden "Farbsehschwächen im Fußball", aus dem die Listen stammen und der das Thema auch weiter umfasst.

Gegen Verbote von Spielkleidungsfarben, für bewussten Umgang mit Farben

Grundsätzlich muss aber immer das Bewusstsein herrschen, dass rote Spielkleidung für Probleme auf grünem Untergrund, also zum Beispiel Rasen verursacht. Das betrifft selbstverständlich auch andere Gegenstände, wie Bälle oder die rote Karte.

Besonders bei den Bällen ist im Winter zu beachten, dass rote oder orangene Bälle bei schneebedeckten Plätzen noch funktionieren können. Sobald aber immer mehr Grün vom Rasen durchkommt wird es hier für Betroffene problematisch.

Wir sprechen uns gegen Verbote von Farben aus. Ein Verbot von grünen Trikots, wie in der italienischen Serie A bietet, im Gegensatz wie im Artikel bei Sport 1 behauptet, keinerlei Hilfe bei einer Rot-Grün-Schwäche, da das Problem vom roten Trikots gegenüber den Rasen und anderen problematischen Kombinationen weiterhin besteht. Viel wichtiger ist ein Bewusstsein für die Farbwahl in Kombination von Farbsehschwächen und Farbenblindheit. Das können keine Verbote leisten und sind viel mehr ein falscher und irrtümlicher Weg.

Probleme beim Training und der Taktik

Oft werden beim Training Leibchen verwendet, die für Normalsehende durch ihre Farbe eine eindeutige Unterscheidung sind. Mit Farbsehschwächen stellen hier rote, orange oder gelbe Töne häufig ein Problem dar. Besonders auch, da alle Beteiligten in der Regel dieselbe oder eine ähnliche Kleidung tragen, ein Unterschied hier also noch schwieriger, als im Spielbetrieb ist.

Im Training werden häufig weitere Hilfsmittel wie Hütchen, Pylonen oder andere Objekte verwendet. Oft sind sie farbig und stellen für Betroffene kaum einen Kontrast zum Hintergrund dar. In Sporthallen tritt zudem oft das Problem auf, dass sie für mehrere Sportarten ausgelegt sind und diverse farbliche Markierungen auf dem Boden für Verwirrung sorgen.

Trainingsutensilien und Markierungen können in den buntesten Farben vorliegen und unter Umständen zu problematischen Kombinationen führen.

Auch bei der Ausbildung an der Taktiktafel sollten Trainer:innen darauf achten Farben zu verwenden, die sich klar für Farbenblinde und Farbsehschwache unterscheiden.

Betreuer:innen und Trainer:innen erkennen die eigenen Spieler:innen nicht

Es liegt natürlich nahe, dass nicht nur aktive Sportler:innen von zum Beispiel einer Rot-Grün-Schwäche betroffen sind, auch das Team um das Team herum kann betroffen sein. Trainer:innen wie der ehemalige Trainer der isländischen Nationalmannschaft Lars Lagerbäck oder der aktuell bei Manchester United aktive Ralf Rangnick stehen vor ähnlichen Problemen wie die Sportler:innen.

Lagerbäck verdeutlicht im Video, wie entscheidend klar zu unterscheidende Farben sind oder wie problematisch verschiedene Lichtsituationen am Tage oder abends unter Flutlicht sind. Rangnick hielt zu seiner Zeit bei RB Leipzig den rotgekleideten Schiedsrichter für einen Spieler seines Teams und wunderte sich über dessen Passivität.

Erfahrungen während der Kindheit und in Jugendteams prägend

Mag man im Erwachsenenalter noch einigermaßen mit einer Farbsehschwäche umgehen und die Probleme noch kommunizieren können, kann die Zeit während der Kindheit und Jugend um einiges schwieriger sein. Oft ist den Eltern nicht bewusst, dass der Sohn oder die Tochter ein Problem mit dem Farbsehen hat. Womöglich einfache und leichtfertige Fehlpässe frustrieren Kind und Mitspieler:innen, mitunter gibt es Kommentare bis hin zu Häme.

Dazu kann es sein, dass Spielfelder und -begrenzungen, Anweisungen und Schaubilder nicht richtig erfasst und verstanden werden können. Im schlimmsten Fall beginnt das Kind an sich zu zweifeln, verliert den Spaß am Sport und zieht sich immer mehr zurück und verbindet immer negative Erfahrungen mit der Erbkrankheit, die sich auf die spätere Persönlichkeit auswirken.

Farbmatsch für jeden 12. Anhänger oder jede 200. Anhängerin

Gerade in Zeiten der Pandemie wissen wir, dass Sportereignissen ohne die treuste Anhängerschaft etwas fehlt. Allerdings sehen etwa 8% der Zuschauer oder 0,5% der Zuschauerinnen bei den bereits genannten problematischen Farbkombinationen nur Farbmatsch, also jeder 12. Mann oder jede 200. Frau.

Auf ganze Stadien gerechnet sind das ganze Tribünenteile, die mehrere Blöcke umfassen würden, also eine nicht zu unterschätzende Menge an Fans.

Besonders problematisch sind bei Teams die z. B. in roter und grüner Spielkleidung, ohne wirklich klare Unterscheidungsmerkmale, aufeinander treffen, entfernte, also "kleine" und schnelle Aktionen. Die Einschätzung für Spielsituationen lässt immer mehr nach.

Außerdem zeigt sich, dass die Problematik vor dem Fernseher oder kleineren Zugangsgeräten wie Smartphones, Tablets oder Notebooks noch verstärkt wird. Fehlen Fans und somit die Emotionen aus dem Stadion verstärkt sich das Problem weiter.

Für Reporter und Kommentatoren gesellt es sich möglicherweise beispielsweise schwierig Abseitsentscheidungen zu erkennen, wie der von einer Rot-Grün-Schwäche betroffene Sky-Kommentator Wolf Fuss in seinem Podcast verrät (ab Minute 48).

Tore und Siege des eigenen Teams feiern: Mit Farbsinnstörung möglicherweise nur halb so schön.

Spielen Teams in schwierigen Trikot-Kombinationen gegeneinander zeigt sich, dass betroffene Fans sich sehr stark konzentrieren müssen. Ein entspannter Nachmittag im Stadion oder in der Kneipe mit Freunden ist so nicht mehr möglich und es bleibt nur noch das Radio – was eigentlich nicht im Sinne der TV-Rechteinhaber sein kann, da man sich die Frage stellen kann, ob ein oder mehrere Pay-TV-Abos sich unter diesen Umständen lohnen.

Stadionumfeld, Ticketing, ÖPNV: Ein Spiegelbild des Lebens

Der Sport eignet sich gut als Beispiel, für ziemlich viele Bereiche, die von Farbsehschwächen und Farbenblindheit betroffen sind: Eintrittskarten, Stadionpläne, Zugänge sind oftmals farbig und ohne weitere Informationen gekennzeichnet. Die meisten Zuschauer:innen reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln an: Stadt- und Linienpläne sind von Farben übersäht und besonders in einer fremden Stadt für viele Betroffene ein ernstes Problem. Sie sorgen mehr für Verwirrung und fragende Blicke, als das sie klar und deutlich den Weg zur richtigen Busverbindung, Straßen- oder U-Bahn weisen.

Nicht selten sind Probleme im Online-Shop oder beim Ticketing. Verfügbarkeiten werden nur als roter, grüner Punkt angezeigt, der Farbname fehlt komplett oder Preiskategorien sind nur als farbige Fläche, ohne weitere Information, Muster oder Beschreibung verfügbar.

Wurden schließlich Eintrittskarten gekauft und der Weg zum Stadion gefunden, warten hier die nächsten Barrieren: Wege und Zugänge sind durch Farben auf Tickets und Schildern markiert. Farbige Flächen, ohne weitere Beschriftung. Die Zugangskontrolle findet automatisiert statt und eine digitale Ampel zeigt nur ein rotes oder grünes Licht für einen Zugang, oder eben keinen. Alles Hindernisse und Barrieren. Ordner sind oftmals nicht geschult und nehmen mögliche Fragen nicht ernst, sofern sie denn überhaupt erkennbar sind, weil sich die Kleidung nicht durch die Farbe oder Elemente von Fankleidung unterscheidet.

Der Sport hat eine gesellschaftliche Verantwortung

Seitens des Sports wird immer die gesellschaftliche Verantwortung und das Abbild der Gesellschaft formuliert. Es werden Aktionen für Inklusion und Teilhabe durchgeführt. Vor Fernsehübertragungen werden aufwendig produzierte Imagevideos, die ebendies unterstreichen sollen, gezeigt. Farbsehschwächen und Farbenblindheit, die etwa 8% der männlichen und 0,5% der weiblichen Akteure und Fans betreffen, werden bisweilen meist komplett ignoriert.

Dabei sind die Belange recht einfach und ohne große Anstrengung umzusetzen: Klare und kontrastreiche Spielkleidung und ein Bewusstsein für das Wirken von Farbe.

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