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Farbtuben im Schulunterricht: Ohne Beschriftung problematisch.

Eine Frage (nach) der Farbe

Dieses Erlebnis spielte sich in der damaligen Orientierungsstufe* (OS) in Niedersachsen ab. Wir befinden uns am Ende der 1990er Jahre. Unsere Klasse hatte Kunstunterricht bei einer Vertretungslehrerin und sollte eine Stofftasche mit Farbe bemalen. Für mich war dies mein erstes bewusstes negatives Erlebnis mit meiner Farbsehschwäche.

Bei mir wurde meine Rot-Grün-Schwäche bereits früh als Kind noch vor der Grundschule diagnostiziert. Meiner Mutter war aufgefallen, dass ich erwähnte, dass ich bei einem Regenbogen nur zwei Farben erkennen würde. Der Test beim Augenarzt verschaffte Klarheit: Eindeutig eine Rot-Grün-Schwäche.

Während meiner Kindergarten- und Grundschulzeit sind mir keine negativen Erfahrungen mit meiner Schwäche in Erinnerung geblieben. Die Lehrer:innen und Mitschüler:innen wussten Bescheid und unterstützten mich, sofern ich einmal Hilfe benötigte.

Gerne Aufgabe im Kunstunterricht der Schule: Bilder malen mit Tuschkasten. Für jeden 12. Schüler mitunter ein farbliches Problem.
Foto: unsplash.com/Kelli Tungay

Nach der Grundschulzeit ging es bei uns damals auf die OS. Eine zweijährige Schulzeit, die mich und meine Farbsehschwäche nicht sehr positiv geprägt hat - mit einer Ausnahme: Meine erste und einzige 1 in Kunst: Wir sollten ein Bild nur mit Bleistift zeichnen. Durch geschickte Linienführungen und Perspektive konnte ich meine damalige Kunstlehrerin überzeugen und erhielt das Notenoptimum.

Vor der Klasse vorgeführt

Dennoch verfestigt sich gern als Farbenblinder der Gedanke, dass man im Kunstunterricht sowieso einen Nachteil hat und das Fach nicht unbedingt zum Lieblingsfach zählt. Besonders wenn die eigene ererbte Schwäche dazu dient, einen in der Klasse vorzuführen.

Erkennt man die Farben nicht, bleibt das Blatt ziemlich lange leer.
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Wir hatten diese Vertretungsstunde und sollten eine Stofftasche mit Farben bemalen. Soweit ich mich erinnern kann, malte ich ein Landschaftsmotiv und suchte eine bestimmte Farbe. Diese Farben konnten wir uns vorn am Pult bei der Lehrerin holen.

Meine Mitschüler:innen erledigten dies selbstständig und bei Farben wie Blau oder Gelb war ich mir auch sicher. Dann allerdings benötigte ich eine Farbe, die ich nicht erkennen konnte.

Die ganze Farbpalette abfragen

Bei der "Farbausgabe" dachte ich mir nun nichts und fragte die Lehrerin, ob sie mir die Farbe bitte geben könne. Sie reagierte etwas verdutzt und stutzig.  Ich erklärte ihr, dass ich eine Rot-Grün-Schwäche habe und daher die Hilfe benötige. In diesem Moment dachte ich mir noch nichts Böses, erlebte dann aber mein rotes oder grünes Wunder:

Anstatt diese Information aufzunehmen und mir die gewünschte Farbe auszuhändigen, fragte sie mich mehrmals, ob dem denn wirklich so sei. Ich bejahte dies natürlich immer, wartete noch immer vergebens auf die Farbtube.

Leider eine seltene Ausnahme: Farbnamen auf Stiften.
Foto: unsplash.com/Ryan Ancill

Als sei das noch nicht genug gewesen, setzte sie dem für alle hörbar noch die Krone auf. Sie fragte mich vor der Klasse Farbtube für Farbtube ab, welche Farbe diese und jene dann sei.

Ich fühlte mich immer unwohler und lies die Tortur über mich ergehen. Letztlich erhielt ich dann doch die Farbe, und konnte das Bild weiter malen.

Eigentlich habe ich dann nur noch das Ende der Stunde herbeigesehnt und gehofft, die Lehrerin nie wieder im Unterricht zu haben.

*Die OS war eine zwischen der Grundschule und der Weiterführenden Schule eingegliederte Zwischenstufe und beinhaltete die Jahrgänge 5 und 6. Die Schüler:innen waren also in der Regal etwa zwischen 10 und 12 Jahren alt.

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Markus Stahmann ist einer der Gründer von Farbsehschwaeche.de. Der Webentwickler aus Oldenburg möchte mit der Plattform für mehr Bewusstsein für die Problematik werben und das Thema mehr der Öffentlichkeit präsentieren.