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Leeres Klassenzimmer mit Poster und Modellen von Planeten. Foto: Metropolitan School

Farbfehlsichtigkeit in Schule und Ausbildung - Ratgeber für Betroffene, Eltern und Lehrpersonal

Statistisch gesehen ist in jeder Schulklasse mindestens ein Kind von einer Farbfehlsichtigkeit (oft als Rot-Grün-Schwäche bekannt) betroffen. Die allgemeine Schulpflicht bedeutet, dass jeder Mensch, der das schulpflichtige Alter erreicht auch eine Schule besuchen muss. Die Schule ist aber auch die Institution, in der sich eine Farbfehlsichtigkeit zum ersten Mal wirklich auswirkt. Dies betrifft sowohl die soziale Interaktion als auch den Lern- und Prüfungserfolg. Da die Schulpflicht für alle gilt, spiegelt sich die allgemeine Häufigkeit von Farbsehschwächen und Farbenblindheiten auch bei den Schülerinnen und Schülern wider.

Inhalt

  1. Generelles

  2. Ratgeber für Schulkinder

  3. Ratgeber für Eltern und Erziehungsberichtigte

  4. Ratgeber für Lehrpersonal

Generelles

Farbfehlsichtigkeiten sind nach heutigem Stand weder linder- noch heilbar. Deshalb konzentriert sich der folgende Ratgeber darauf, die negativen Auswirkungen von Farbfehlsichtigkeiten auf den Lernerfolg zu minimieren, bzw. ganz zu vermeiden.

Sehr wahrscheinlich gibt es in jeder Klasse ein farbfehlsichtiges Kind, meistens einen Jungen. Vor allem in der frühen Schulzeit wissen viele Betroffene noch nichts von ihrer angeborenen Schwäche oder sie wollen diese wegen möglicher negativer Reaktionen erst einmal nicht ansprechen.

Ratgeber für Schulkinder

Jeder Mensch mit einer ausgeprägten Farbfehlsichtigkeit hat in seiner Schulzeit Situationen erlebt, die als unangenehm empfunden werden. Das „Farbquiz“, d.h. das Deuten auf Gegenstände und die Frage nach der Farbe, ist wohl die wohl die häufigste. Aber auch das Lehrpersonal verhält sich nicht immer vorbildlich.

Offen mit der eigenen Schwäche umgehen

Dennoch raten wir dir als Interessenverband dazu, offen mit deiner Farbfehlsichtigkeit umzugehen. Die angesprochenen Reaktionen werden nicht ausbleiben. Aber deine Lehrerinnen und Lehrer wissen dann darüber Bescheid und können dementsprechend handeln (siehe unten).

Anderen zeigen wie man sieht

Mitschülerinnen und Mitschülern, die sich nicht vorstellen können, wie das Leben mit einer Farbenblindheit oder Farbsehschwäche ist, kannst du einfach den Simulator zeigen. Dieser zeigt besser als alles andere, wie farbfehlsichtige Menschen die Welt wahrnehmen. So musst du nicht versuchen, es ihnen umständlich zu erklären.

Info zur Simulation

Eine Simulation bildet nicht die komplette Realität von Betroffenen ab.
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Normales Sehen
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Normales Sehen
Foto: unsplash.com/Sharon McCutcheon

Ausführlich und aus der Perspektive eines Kindes beschreibt Malachi Sawyer die Situation von Menschen mit einer Farbsinnstörung in seinem Buch "Farbenblindheit und ich". Die deutsche Übersetzung wurde von Hanna Regus-Leidig, die auch Mitglied des Interessenverbandes ist, erstellt.

Farbenblindheit und ich.
"Farbenblindheit und ich": Deutsche Übersetzung in Kooperation mit dem IFFarb e. V.

Ratgeber für Eltern und Erziehungsberechtigte

Farbsinnstörungen werden meistens nicht direkt vererbt, sondern überspringen eine oder mehrere Generationen. Deshalb kennen Eltern die Erfahrungen ihrer Kinder nicht direkt und eigene Erfahrungen können nicht weitergegeben werden.

Schwäche akzeptieren

Wenn eine Farbfehlsichtigkeit bei Ihrem Kind diagnostiziert wurde, raten wir als Interessenverband dazu, diese zu akzeptieren. Es gibt weder Linderung noch Heilung. Brillen für Farbfehlsichtige bringen auch nicht den erhofften Erfolg, können aber im Einzelfall zumindest andere Eindrücke vermitteln. Wichtig ist auch, das eigene Kind nicht zu verunsichern.

Lehrpersonal informieren

Wir empfehlen Ihnen/euch auch, das Lehrpersonal zu informieren, sodass es nicht zu einer Benachteiligung kommt und es entsprechend reagieren kann. Dies gilt vor allem zu Anfang der Schulzeit oder kurz nach einer diagnostizierten Farbsinnstörung, da Ihr/euer Kind dies vielleicht noch nicht selbst machen möchte.

Wir empfehlen das Lehrpersonal frühzeitig zu informieren
Foto: Shutterstock/Monkey Business Images

Stifte und Malfarben beschriften

Es empfiehlt sich, die Bunt- und Filzstifte Ihres Kindes mit den entsprechenden Farbnamen zu beschriften. Dies gilt auch für den Farbmalkasten. Hier kann der jeweilige Farbname eventuell im Deckel oder an den Rand der einzelnen Farbtöpfchen geschrieben werden. So kann Ihr Kind zumindest die richtige Farbe auswählen, wenn es eine bestimmte Farbe benutzen soll.

Bei der Berufswahl unterstützen

Im späteren Schulleben wird das Bewusstsein über eine Farbsinnstörung wichtig, wenn es an die Berufswahl geht. Für manche Berufe ist das Nichtvorhandensein einer Farbfehlsichtigkeit eine absolute Voraussetzung (z.B. Pilot, Lokführer), für andere darf eine Farbsehschwäche einen gewissen Grad nicht überschreiten (z.B. Polizist). In wieder anderen Berufen kann die Schwäche bei der Ausübung problematisch sein, ist aber nicht grundsätzlich ein Einstellungs- oder Ausbildungskriterium (z.B. Maler und Lackierer). In diesen Fällen empfehlen wir als Verband, die Fehlsichtigkeit über eine entsprechend ausgestattete Praxis oder Klink diagnostizieren zu lassen. Der Grad der Farbfehlsichtigkeit kann am genauesten mit einem Anomaloskop bestimmt werden. Auskunft über entsprechende Praxen oder Kliniken kann der behandelnde Augenarzt oder die Krankenkasse geben.

Ratgeber für Lehrpersonal

Aufgrund der Häufigkeit von Farbsinnstörungen ist es wahrscheinlich, dass in jeder Klasse mindestens ein Kind davon betroffen ist. Deshalb werden Lehrerin oder Lehrer unweigerlich damit in Kontakt kommen. Diese wirkt sich in den verschiedenen Fächern aber unterschiedlich aus, weshalb nach dem allgemeinen Teil auf spezifische Situationen näher eingegangen wird.

Lehrmaterial Farbsehschwäche-gerecht gestalten

Grundsätzlich raten wir als Interessenverband jedem Lehrenden, das Lehrmaterial Farbsehschwäche-gerecht zu gestalten. Dies schließt auch Tafelanschriften ein. Nutzen Sie möglichst nicht Farben als alleiniges Unterscheidungskriterium. Symbole und Text helfen hierbei. Wenn dies über Symbole und Text nicht umsetzbar ist, nutzen Sie Helligkeitskontraste aus.

Grundsätzlich gilt: Was in Schwarz/Weiß funktioniert, funktioniert auch für farbfehlsichtige Schülerinnen und Schüler. Nutzen Sie auch Rot und Grün nicht gleichzeitig in den Korrekturen.

Farbsehschwäche nur mit Einverständnis öffentlich machen

Machen Sie die Farbfehlsichtigkeit nur mit Einverständnis des Kindes und dessen Eltern öffentlich. Versuchen Sie nicht, dem Kind Farben beizubringen oder Farben abzufragen. Es liegt nicht am Lernen! Solche Situationen sind für Kinder nur demütigend.

Passende Trainingsutensilien im Sportunterricht

Im Sportunterricht im Mannschaftssport funktionieren Leibchen oder Trikots mit einem ausreichenden Helligkeitskontrast am besten. Im Eishockey und Basketball gibt es explizit Regeln, welche sich am besten auf „Hell spielt gegen Dunkel“ zusammenfassen lassen. In der Leichtathletik werden die Farben Weiß für gültig und Rot für ungültig verwendet. Diese Farbkombination funktioniert wesentlich besser als Rot und Grün. Werden verschiedenfarbige Hütchen oder andere Markierungen benutzt, so sollten diese sich in der Helligkeit ausreichend unterscheiden.

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Eine Simulation bildet nicht die komplette Realität von Betroffenen ab.
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Trainingsutensilien, die sich nur farblich unterscheiden, führen immer wieder zu Problemen

Farbgestaltung im Kunstunterricht akzeptieren

Der Kunstunterricht ist besonders sensibel, da hier überwiegend mit Farben gearbeitet wird. Die Farbauswahl von farbfehlsichtigen Schülerinnen und Schülern wird anders sein. Sie wird weniger Farben umfassen. Am schwierigsten wird es für die betroffenen Schülerinnen und Schüler sein, etwas nachzumalen und dabei die „richtigen“ Farbtöne zu treffen. Bildtechniken, die nur wenige Farben umfassen oder über Hell-Dunkel-Kontrast funktionieren, wie z.B. Radierungen oder Kohlezeichnungen, sprechen Menschen mit Farbsinnstörungen in der Regel eher an. Fordern Sie die betroffenen Schülerinnen und Schülern nicht auf, Bilder bunter zu gestalten und machen Sie keine Farbabfragen.

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Foto: unsplash.com/Markus Spiske

Farbfehlsichtige Schüler nehmen Farben anders wahr

Versuche auf Farbbasis nicht bewerten

Im Chemieunterricht sind vor allem Versuche mit Säure-Base-Indikatoren problematisch. Manche Indikatorfarben sind für Betroffene schwer zu differenzieren. Auch die Unterscheidung bestimmter pH-Bereiche mit Indikatorpapier oder Indikatorlösung ist hier problematisch.

Es überrascht nicht, dass Farbversuche im Physikunterricht für Schülerinnen und Schüler mit Farbsinnstörungen manchmal eine Herausforderung darstellen. Bei der Verwendung von Gittern und Prismen sehen sie nicht das gesamte Farbspektrum. Schülerinnen und Schüler mit Rotschwäche oder Rotblindheit haben Schwierigkeiten bei Experimenten in der Elektrotechnik, wenn die für Gleichstrom typische Farbkombination Rot und Schwarz verwendet wird.

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Foto: unsplash.com/Alex Kondratiev

Versuche mit Farbreaktionen sind für farbsinngestörte Schülerinnen und Schüler nicht immer einfach

Fazit

Als Eltern und vor allem als Lehrende können Sie Ihren Teil dazu beitragen, dass eine Farbfehlsichtigkeit in der Schule nicht zu negativen Erfahrungen führt. Die Maßnahmen sind relativ einfach und bedürfen keines gesonderten finanziellen Aufwands. 

Über den Autor

Thomas Vogel stieß kurz nach der Gründung von Farbsehschwaeche.de dazu. Im normalen Leben ist er Ingenieur, wohnt ihn Herzogenaurach und möchte aktiv daran mitwirken, dass die Erfordernisse von Farbsehschwachen im täglichen Leben berücksichtigt werden. Bevor er in die Industrie wechselte, war er an der "Erlangen Graduate School in Advanced Optical Technologies" und kennt sich daher ein bisschen mit den physikalischen Hintergründen aus.